„Vitaminwasser“: Gesunder Durstlöscher oder doch nur überteuertes Erfrischungsgetränk?
„Vitaminwasser“ sind inzwischen fester Bestandteil des Getränkesortiments. Sie werden mit Vitaminen und gesundheitsbezogenen Angaben beworben, rechtlich handelt es sich jedoch auch nur um aromatisierte Erfrischungsgetränke. Die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt hat im Mai 2026 insgesamt 35 Produkte untersucht und geprüft, ob Kennzeichnung, Gesundheitsversprechen und Preise tatsächlich überzeugen.

Das Wichtigste in Kürze:
- „Vitaminwasser“ sind Erfrischungsgetränke mit Vitaminen, Aromen sowie Zucker oder Süßungsmitteln. Die Aufmachung erweckt jedoch den Eindruck eines wasserähnlichen Produkts.
- Häufig wird der empfohlene Tagesbedarf einzelner Vitamine mit einer Flasche deutlich überschritten. Ein gesundheitlicher Zusatznutzen ist dadurch jedoch nicht zu erwarten.
- Fettlösliche Vitamine wie Vitamin D und E werden in Getränken, wenn keine gleichzeitige Fettzufuhr erfolgt, nur stark eingeschränkt aufgenommen.
- Begriffe wie „Boost“, „Focus“ oder „Antistress“ können Erwartungen an einen besonderen gesundheitlichen Nutzen über die normalen Körperfunktionen hinaus wecken.
- Mit durchschnittlich 2,47 Euro pro Liter sind die Getränke deutlich teurer als Wasser oder andere Erfrischungsgetränke – der Preis wird mutmaßlich durch Marketing und Gesundheitsversprechen bestimmt.
Bezeichnung und Aufmachung
Viele als „Vitaminwasser“ oder „Functional Water“ beworbene Produkte sind für Verbraucher auf den ersten Blick nicht als Erfrischungsgetränke erkennbar. Neben Wasser enthalten sie häufig zugesetzte Vitamine, Aromen, Zucker oder Süßungsmittel und sind rechtlich als aromatisierte Erfrischungsgetränke einzuordnen.
Bei 20 von 35 untersuchten Produkten vermittelten Bezeichnungen wie „Vitamin Water“, „Water+“ oder „Aqua Wellness“ den Eindruck eines Mineralwasser-ähnlichen Produkts. Auch die Verpackung, etwa typische Mineralwasserflaschen, verstärkten diesen Anschein. Daher sind die gewählten Produktbezeichnungen und die optische Gestaltung vieler Produkte dazu geeignet Verbraucher in die Irre zu führen. Sie nutzen das Vertrauen, das Verbraucher in natürliche Mineralwässer haben, gezielt aus, um mit Zucker und Zusatzstoffen angereicherte Produkt als gesunde Alternative zu vermarkten.
Vitamine
Die Überprüfung der 35 Produkte ergab ein homogenes Bild: Alle Hersteller greifen bei der Vitaminanreicherung auf ein ähnliches Spektrum zurück. Bei 67 % der Produkte wurden Pantothensäure, Niacin, Vitamin B6 und Biotin zugesetzt – Vitamine, für die in der Gesamtbevölkerung keine Mangel vorliegt. Insgesamt wiesen 31 Produkte zusätzlich auch verschiedene Kombinationen aus den Vitaminen B12, C, D, E, Thiamin und Folsäure auf. Keines der untersuchten Produkte enthielt dagegen die Vitamine A, B2 oder K.
Bei zwölf Produkten wurde mit einer Flasche bereits der von der deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlene Tagesbedarf einzelner Vitamine um das Ein- bis fast Dreifache überschritten. Ein zusätzlicher gesundheitlicher Nutzen ist dadurch nicht zu erwarten. Überschüssige wasserlösliche Vitamine werden vom Körper größtenteils wieder ausgeschieden.
Anders ist dies bei fettlöslichen Vitaminen. Eine langfristig hohe Zufuhr, zum Beispiel durch die gleichzeitige Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, birgt aufgrund der Speicherung im Körper gesundheitliche Risiken. Bei insgesamt 13 Produkten im Marktcheck wurden fettlösliche Vitamine wie Vitamin D und E zugesetzt – davon überschritten 6 Produkte mit Vitamin E-Zusatz den empfohlenen Tagesbedarf. Die Sinnhaftigkeit Getränke mit fettlöslichen Vitaminen zu versetzen, ist insgesamt zu hinterfragen. Denn fettlösliche Vitamine werden am besten zusammen mit Nahrungsfetten aufgenommen - ohne eine aktive Fettverdauung ist die Aufnahme deutlich eingeschränkt. Der alleinige Genuss von „Vitaminwasser“ ohne eine gleichzeitige Aufnahme einer fettreichen Mahlzeit dürfte somit kaum zur Versorgung mit fettlöslichen Vitaminen beitragen.
Sonderfall Vitamin D: Für Lebensmittel mit Vitamin D-Zusatz sind behördliche Genehmigungen (Allgemeinverfügung nach § 54 LFGB bzw. Ausnahmegenehmigung nach § 68 LFGB) erforderlich. Ein Produkt enthielt Vitamin D, jedoch lag keine entsprechende Genehmigung vor.
Zuckergehalt & Süßgeschmack
Die untersuchten Produkte vermittelten durch ihre Aufmachung häufig den Eindruck eines gesunden Getränks, enthielten jedoch teilweise Zucker in Mengen, die an klassische Limonaden heranreichen. Die Getränke enthielten zwischen 0 bis 6,7 g/100ml Zucker. Der durchschnittliche Zuckergehalt lag bei 14,8 g pro Flasche (2,3 g/100 ml) und deckt damit schon rund 30 % der WHO-Empfehlung (50 g Zucker) eines Erwachsenen ab. Ein dauerhafter Kalorienüberschuss, insbesondere aus Zucker, gilt als bedeutender Risikofaktor für Karies, Typ-2-Diabetes und Adipositas (Fettleibigkeit).
Auch Süßungsmittel ersetzen Zucker nicht als gesündere Alternative. In zehn Produkten wurden Sucralose und Acesulfam-K eingesetzt. Aufgrund möglicher Auswirkungen auf Geschmacksprägung und bestehender Forschungsunsicherheiten empfiehlt das BfR einen maßvollen Konsum.
Zwölf zuckerhaltige Produkte wurden mit Begriffen wie „kalorienarm“ beworben. Diese Angaben sind zwar rechtlich zulässig, aber dennoch fraglich für ein vermeintlich durstlöschendes Getränk. Bei einem Konsum von zwei Litern im Sommer würden über das zuckerhaltigste, aber als kalorienarm beworbene Getränk bereits rund 380 kcal aufgenommen. Dies entspricht je nach individuellem Energiebedarf schon etwa 13 bis 21 % des täglichen Bedarfs (bei 3.000 bzw. 1.800 kcal pro Tag).
Preisanalyse
Auch die Preisgestaltung der Produkte im Test muss kritisch betrachtet werden. Mit durchschnittlich 2,47 Euro pro Liter sind sie deutlich teurer als Leitungswasser, Mineralwasser und viele andere Erfrischungsgetränke. Die enthaltenen Vitamine, Aromen, Zucker und Süßungsmittel verursachen nur geringe Kosten – Verbraucher bezahlen somit vor allem für das Marketing und die Idee eines gesundheitlichen Mehrwerts, der wissenschaftlich nicht eindeutig belegt ist.
Gesundheitsversprechen
Kritisch zu bewerten sind unbestimmte gesundheitsbezogene Angaben wie „Antistress“ und „Focus“, auf den Getränken des Marktchecks. Diese suggerieren eine Wirkung, die über die normalen Körperfunktionen hinausgeht – etwa eine Steigerung der Konzentration oder eine aktive Stressbekämpfung, welche wissenschaftlich nicht belegt und zugelassen ist. Lediglich die spezifischen gesundheitsbezogenen Aussagen zu den zugesetzten Vitaminen, wie beispielsweise „Vitamin C zur Verringerung von Müdigkeit“ oder „Vitamin B12 trägt zur normalen Funktion des Energiestoffwechsels und des Nervensystems bei“, entsprachen den rechtlichen Vorgaben. Zwei Produkte erreichten jedoch nicht die erforderliche Vitaminmenge, um solche Angaben verwenden zu dürfen.
Fazit und Empfehlungen
Vitaminisierte Erfrischungsgetränke sind aus Verbrauchersicht nicht empfehlenswert. Sie sind häufig teuer, zuckerreich und suggerieren durch zusätzliche Werbeaussagen einen nicht belegten Zusatznutzen. Da für die meisten der zugesetzten Vitamine in Deutschland kein Mangel besteht, entsteht für den Großteil der Verbraucher kein gesundheitlicher Vorteil. Die besten Durstlöscher sind Leitungs- oder Mineralwasser (auch als Infused Water), ungesüßte Tees oder Saftschorlen – sie sind gesundheitlich vorteilhaft und preisgünstig. Eine ausreichende Vitaminzufuhr wird in der Regel durch eine ausgewogene Ernährung erreicht. Bei einem nachgewiesenen Mangel ist eine Supplementierung mit dem behandelnden Arzt zu besprechen. Wenn Sie dennoch „Vitaminwasser“ konsumieren möchten:
- Achten Sie auf die Zutatenliste: Je kürzer, desto besser.
- Vergleichen Sie den Zuckergehalt – Getränke mit zugesetztem Zucker sind nicht empfehlenswert und vergleichbar mit Limonaden.
- Konsumieren Sie auch Süßungsmittel-haltige Alternativen maßvoll.
- Lassen Sie sich nicht von „gesund“ klingenden Werbeaussagen blenden.




